Die Marktmeinung aus Stuttgart: Interpretationsspielräume

Michael Beck

Stuttgart, 14. Juni 2017

Und da ist es schon wieder passiert – eine Partei liegt hoffnungslos hinter einer anderen Partei in den Umfragen zurück, holt kurz vor der Wahl auf und verliert dennoch. Aber nicht so deutlich wie vorher gedacht. Deshalb behauptet der Unterlegene, er habe die Wahl gewonnen, das könne ja jeder sehen. Nun ist es in Demokratien so, dass derjenige die „Wahl gewinnt“, der die meisten Stimmen auf sich vereint. So auch in Großbritannien – Theresa May hat mit Abstand die meisten Wahlbezirke für ihre Partei gewinnen können, zwar nicht so viele wie erhofft bzw. erwartet, aber dennoch eine komfortable Mehrheit. Deshalb verwundert es schon, dass sich ihr Herausforderer Corbyn als Wahlsieger ausruft. Dies erinnert an den legendären Auftritt des Alt-Bundeskanzlers Schröder, der nach offensichtlich verlorener Wahl seiner Herausforderin entgegenschleuderte, sie könne es vergessen, Bundeskanzlerin zu werden. Denn er habe so gut aufgeholt, dass jeder sehen könne, wer die Wahl „gewonnen“ habe. Nun, wer zählen kann, ist im Vorteil, wie die Geschichte bewies.

Die Position Theresa Mays ist allerdings durch das grandiose Verfehlen ihres Wahlzieles (Erreichen und Ausbau der absoluten Mehrheit) deutlich geschwächt. Die Finanzmärkte interpretierten dies positiv, denn ein absolut harter Brexit, wie ihn May als Möglichkeit in den Ring warf, ist nun unwahrscheinlicher geworden. Leider scheint Frau May eine Minderheitenregierung anzustreben. Stabile Regierungsverhältnisse sahen in Großbritannien in der Vergangenheit anders aus.

Auch jenseits des großen Teiches sprießen Interpretationsblüten. Als Reaktion auf die Vorwürfe seines ehemaligen FBI-Chefs, ein Lügner zu sein, befindet Donald Trump, seine Position sei zu 100 % bestätigt, und spricht von einer vollständigen und umfänglichen Rehabilitation“ seiner Person. Nun ja, im Wirtschaftsbereich gibt es dieses auch – man spricht gerne von „Minus-Wachstum“ anstatt von Schrumpfung, Rezession etc. Die Gewinnmitnahmen, die nach der Warnung einer amerikanischen Investmentbank vor zu hohen Bewertungen im Tech-Bereich einsetzten, dürften sich vor diesem Hintergrund eher fortsetzen.

Unterdessen erreicht Europas Politiker-Hoffnung Macron bei der ersten Runde der Parlamentswahlen in Frankreich einen historisch hohen Wahlsieg, allerdings bei historisch niedriger Wahlbeteiligung. Sollte sich dieses grandiose Wahlergebnis in der zweiten Runde bestätigen, dürfte die Aufbruchsstimmung in Frankreich auch die europäischen Aktienmärkte erfassen.

 

 

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